Knut Peter Wiedermann ist ein Ehemann, Informatiker, Kommunalpolitiker, Feuerwehrmann, Familienvater und ein trockener Alkoholkranker. Heute geht es dem Mann aus Bad MĂŒnder gut, er ist glĂŒcklich und dankbar fĂŒr sein Leben. Er leitet als ausgebildeter ehrenamtlicher Suchthelfer eine Selbsthilfegruppe der Diakonie in Bad MĂŒnder. Doch vor einigen Jahren brauchte er selbst Hilfe, denn in seinem Leben lief immer mehr falsch. Heute erzĂ€hlt Wiedermann auf unsere Anfrage hin, seine ganz persönliche Geschichte, denn er möchten anderen suchtkranken Menschen helfen, so wie ihm einst geholfen wurde.

Ende der 90er Jahre beginnt seine Suchtkrankheit. Am Anfang war es nur ein Feierabendbier. Eine Belohnung zum Entspannen und Runterkommen. „Ich habe 15 Jahre lang getrunken. Nicht besonders viel, doch ich war psychisch sehr stark abhĂ€ngig. Es gab immer einen Grund zu trinken und wenn nicht, dann habe ich mir einen geschaffen“, erklĂ€rt er. Am Anfang habe ihm der Alkohol geholfen, doch irgendwann drehte sich alles nur noch darum. Es entstand eine RegelmĂ€ĂŸigkeit und die Bedeutung der Droge nahm zu.

Über die Jahre kam es immer mehr zum Kontrollverlust. Im Jahr 2012 legte er eine kurze Trinkpause ein, doch dann kam der RĂŒckfall. Bis zum Jahr 2014 baute Wiedermann immer mehr ab. Er bekam Probleme auf der Arbeit. Zwar bekamen die meisten seiner Kollegen nichts mit von seinem Alkoholkonsum, doch er war nicht so leistungsfĂ€hig wie zuvor. Auch seine Beziehung zu seiner Frau und seinen Kindern litt unter seiner Sucht. Es kam zu mehreren VorfĂ€llen, bei denen ihm sein Leben fast entgleist wĂ€re, doch dann zog er das Steuer herum und suchte sich Hilfe. „Jeder Suchtkranke kann sich nur selbst helfen. Ich erkannte, dass mein Alkoholkonsum nicht normal ist. Ich hatte die Kontrolle verloren“, beschreibt er die Situation. Seine Freunde und seine Familie machten ihm Druck und gerade ohne die Hilfe seiner Frau hĂ€tte er den Weg aus der Sucht nicht geschafft, dennoch konnte nur er selbst den Weg aus der Sucht bestreiten. „Jeder muss seine eigene Gosse erreichen“, zitiert er einen Suchthelferkollegen, welcher in Loccum mit ihm die Ausbildung zum freiwilligen Suchthelfer absolvierte.

Im Sommer 2014 suchte er sich dann Hilfe bei der Diakonie in Hameln. Er kam mit vielen Ängsten und Zweifeln. „Wie wird mein Leben? Alles war doch verknĂŒpft mit dem Alkohol. Zum Urlaub gehörte das Bier am Strand oder ein Bier beim Grillen. Es gab immer einen Grund zu trinken“, schildert er die Situation. Der damalige Suchtberater antwortete ihm nur mit einem Wort: „Wieso?“ Diese Leichtigkeit wirkte auf Wiedermann ein und bestĂ€rkte ihn. Konnte es wirklich so einfach sein?

Knut Peter Wiedermann
Knut Peter Wiedermann. Foto: BrĂŒmmer

Der MĂŒnderaner machte eine zweiwöchige qualifizierte Entgiftung in einer Klinik. Zudem warnt er vor einem kalten Entzug, denn dieser kann lebensgefĂ€hrlich werden. „Wenn man aufhören möchte, heißt es weiter trinken, zum Hausarzt gehen, reinen Tisch machen und erst in der Entgiftung aufhören“, erklĂ€rt der heute ehrenamtliche Suchthelfer.

WĂ€hrend der Entgiftung ist Wiedermann zusammengebrochen. „Alles war ungewiss. Ich wusste nicht wie es um meine Ehe steht oder wie es mit meinem Leben weitergehen soll, doch nach ein paar Tagen habe ich mich wieder gefasst“, sagt er mit TrĂ€nen in den Augen. Er fing an fĂŒr alles was ihm wichtig war zu kĂ€mpfen und hatte begriffen, dass er zu dem Zeitpunkt noch nichts verloren hatte. Er war sozial noch voll integriert, hatte einen Job und eine wundervolle Familie.

Bereits vier Wochen nach der Entgiftung folgte eine stationĂ€re Langzeit-Therapie in einer Rehabilitationsklinik. „Dort bekam ich meine vier Monate Ausbildung zu einem glĂŒcklichen, trockenen Alkoholiker. Das war ein richtiges StĂŒck Arbeit“, schildert er den Aufenthalt in der Klinik. In diesen Monaten arbeitete Wiedermann seine GrĂŒnde fĂŒr das Trinken auf und seitdem ist er trocken. „Ich fĂŒhre jetzt ein zufriedenes, achtsames, selbstbestimmtes Leben“, erklĂ€rt er.

Doch auch wenn man trocken ist, ist das Leben nicht immer einfach: „2018 bin ich im Sommer, durch eine weitere Erkrankung sozusagen nochmal vor die Wand gefahren. Eine vermeintliche Freundin der Familie half mir in meiner akuten Not nicht, doch ich hatte in dieser Woche, in der ich leider alleine war, nie den Wunsch zu trinken, weil ich wusste, dass ich sonst sterben werde“, so der Familienvater. „Ein RĂŒckfall beginnt immer im Kopf“, ergĂ€nzt er.

Seit seinem Aufenthalt in der Rehabilitationsklinik besucht Wiedermann regelmĂ€ĂŸig eine Selbsthilfegruppe der Diakonie in Bad MĂŒnder, die er seit ein paar Jahren auch selbst leitet. Knut Peter Wiedermann absolvierte deshalb die Ausbildung zum freiwilligen ehrenamtlichen Suchthelfer. „Wenn ich etwas mache, dann will ich es auch so professionell wie möglich fĂŒr mich machen“, so Wiedermann. Über sieben Wochenenden dauerte die Ausbildung.

„Die Langzeit-Therapie ist die wirksamste Methode fĂŒr Suchtkranke sich selbst zu reflektieren und sich auszutauschen“, so der ehrenamtliche Suchthelfer. „Ich brauche meine Selbsthilfegruppe, es ist ein geschĂŒtzter Ort, ein Ort des Vertrauens und der Ehrlichkeit“, beschreibt er das Besondere an einer Selbsthilfegruppe.

Wiedermann kann jedem Suchtkranken eine Selbsthilfegruppe ans Herz legen. „Der Kampf gegen die Sucht lohnt sich. Alles ist viel positiver und viel besser“; lacht er ausgelassen. „Ich habe alles was ich im Leben brauche. Ich muss nur ein paar Regeln einhalten. Ich bin leistungsfĂ€higer, habe mehr Lebensfreude und kann mit meiner Suchtkrankheit ganz offen umgehen. Das ist schön“, sagt er abschließend.

Wer selbst Hilfe braucht, kann die Selbsthilfegruppe in Bad MĂŒnder aufsuchen. Die Gruppe trifft sich jeden Donnerstag in der Bahnhofstraße, gegenĂŒber von Penny, von 18.30 bis 20 Uhr.