Im Kampf gegen den Leerstand: Sind Pop-Up-Stores die Lösung?

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Durch Pop-up-Stores soll Leben in die Pyrmonter Innenstadt kommen. Foto: Tippenhauer

An einem Schaufenster klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Ladenfläche zu vermieten“, an der nächsten Ecke findet gerade ein Rausverkauf statt und direkt daneben versperrt eine Collage aus Altpapier die Sicht in den leeerstehenden Laden. So sieht es mittlerweile in vielen Städten Deutschlands aus. Auch das Weserbergland bleibt davon nicht verschont.
In Bad Pyrmont wurde deshalb Anfang des Jahres das Projekt „Pop Pyrmont Up“ ins Leben gerufen. Es ist in Anlehnung an eine ähnliche Aktion der Stadt Warburg in Nordrhein-Westfalen entstanden und richtet sich an Gewerbetreibende, die einen eigenen Pop-up-Store eröffnen möchten. Pop-up-Stores sind Geschäfte, die plötzlich aufpoppen bzw. auftauchen und nach kurzer Zeit wieder aus einem Ort verschwinden. In Bad Pyrmont hofft man allerdings darauf, dass die interessierten Gewerbetreibenden einen dauerhaften Platz in der Kurstadt finden.

Die Bad Pyrmont Tourismus GmbH (BPT) wirbt auf ihrer Website unter anderem mit „Ladenlokale[n] zu unschlagbaren Mietpreisen und sehr flexiblen Laufzeiten in besten Lagen“. Die Mindestmietzeit soll dabei nur vier Wochen betragen und der Mietpreis bereits ab einen Euro pro Quadratmeter starten. Zudem wird Interessierten ein Marketingpaket von der BPT in Aussicht gestellt. Das klingt doch durchaus reizvoll, oder nicht?

Wie Helmut Fahle, Erster Vorsitzender der Werbegemeinschaft Bad Pyrmont, mitteilt, haben zu Beginn des Jahres so immerhin über 30 Interessente begeistert werden können. Allerdings gestaltete sich die Vermittlung dann doch langwieriger und aufwendiger als zuvor angenommen. „Tatsächlich gab es mehr Schwierigkeiten als erwartet. Schließlich wurden mit 15 Interessenten ernsthafte Gespräche geführt“, so Fahle. Zu einer tatsächlichen Geschäftseröffnung kam es dann bei den meisten von ihnen nicht. Bisher habe die Aktion dazu geführt, dass drei Pop-up-Stores an den Start gegangen seien.

Frischer Wind in der Innenstadt

In der Brunnenstraße betreibt die gelernte Konditorin Elke Wille, Erfinderin der Pyrmonter „Moortorte“, seit Mitte Mai das Café Cristal. Bei den Bürgern ist es bereits bekannt und beliebt. „Ich hatte schon vor 20 Jahren ein Café in diesen Räumlichkeiten“, erklärt Wille. Von 1988 bis 2000 führte sie es unter dem gleichen Namen, bevor sie sich dazu entschloss, den Laden zu vergrößern. Nun wurde sie durch die Pop-up-Aktion erneut auf ihren früheren Ort des Schaffens aufmerksam und entschied sich dazu, zurückzukehren. Um einen typischen Pop-up-Store handelt es sich hierbei nicht.

Als einen solchen würden auch „Auszeit“-Betreiberinnen Birte Koch und Adelgund Frieske ihr Geschäft nicht bezeichnen. Sie haben im Juli an der Kirchstraße im ehemaligen Hutladen eröffnet. Koch ist Seifensiederin und stellt Naturkosmetik her und Frieske bietet Wellness, insbesondere die aus Hawaii stammende Lomi-Lomi-Massage, an. Sie arbeitet als Freizeitgestalterin für das Staatsbad und ist nebenberuflich eingestiegen. Die Betreiberinnen befinden sich in einem festen, unbefristeten Mietvertrag und möchten bleiben. Das Projekt habe sie gedanklich dahingebracht, eine Eröffnung ins Auge zu fassen.

Foto: privat

In der Heiligenangerstraße hat Nina Friesen einen Laden gepachtet. Seit August betreibt die Diplom-Pädagogin und Heilpraktikerin eine Praxis für Kunsttherapie und bietet dort therapeutische Arbeiten mit Farben und Formen, Theaterspiel und Tanz an. „Viele Menschen zeigen sich sehr interessiert und finden, dass eine Praxis für Kunsttherapie für Bad Pyrmont ein Zugewinn ist. Die ersten Klienten haben sich bereits gemeldet“, berichtet sie. Wie lange sie unter den Arkaden bleibt, könne sie allerdings noch nicht sagen. „Schauen wir mal wie sich die Situation weiter entwickelt. Auf jeden Fall ist dieses Geschäftsmodell sehr interessant für alle, die innovative Geschäftsideen besitzen und das Interesse an eigenständigem Arbeiten haben, aber finanziell eingeschränkt sind“, so Friesen. Ihr selbst habe dieses Projekt sehr geholfen, die Entscheidung zu treffen eine eigene Praxis zu öffnen.

Ebenfalls durch die Aktion „Pop Pyrmont Up“ aufmerksam geworden sei Carola Wessels-Ludwig. Sie hat am 1. September die Zeitschmiede – Uhrenatelier Ludwig in der Brunnenstraße eröffnet.

Verhalten, aber erfolgreich

Helmut Fahle zeigt sich zufrieden mit der bisherigen Entwicklung: „Ich denke, ich spreche im Namen aller Beteiligten, wenn ich von einem sehr guten Ergebnis spreche. Mir macht es Mut, dass sich bisher 35 Interessenten gemeldet haben“, so Fahle. Das zeige, dass Bad Pyrmont als Standort für den Einzelhandel interessant sei und eine hohe Attraktivität habe.
Beendet sei „Pop Pyrmont Up“ noch nicht, sondern es handele sich um einen laufenden Prozess. Aktuell seien noch sieben Leerstände für Interessenten im Angebot, auch wenn die Zahl schwanke. Man darf also gespannt sein, ob die Aktion noch weitere neue und interessante Läden in die Kurstadt bringt.

Ein Vorbild für andere Städte?

In Hameln und Hessisch Oldendorf wird ebenfalls immer wieder von Leerständen berichtet.
Heiko Wiebusch von der Stadtverwaltung in Hessisch Oldendorf beschreibt die derzeitige Entwicklung: „Durch die laufende Arbeit im Bereich Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung sowie die beiden kommunalen Förderprogramme ‚Neu in Hessisch Oldendorf‘ und ‚Umbau Hessisch Oldendorf‘ ist es in den vergangenen Jahren gelungen, neue Dienstleistungs- und Einzelhandelsangebote in der Innenstadt anzusiedeln. Gleichwohl bleibt aufgrund der noch bestehenden Leerstände insbesondere in der Langen Straße noch viel zu tun.“

Eine gezielte „Pop-Up-Aktion“ wie in Bad Pyrmont habe es bislang in Hessisch Oldendorf nicht gegeben, da die Stadt zurzeit mit dem Slogan „Neu in Hessisch Oldendorf“ für Neuansiedlungen wirbt und diese auch finanziell unterstützt. Bei den Förderungen in den vergangenen Jahren seien aber auch einige Existenzgründungen gefördert worden, die dem „Pop-Up-Ansatz“ entsprechen, auch wenn nicht explizit mit diesem Begriff geworben werde. Als Beispiele nennt Wiebusch eine Kaffee-Barista und eine kleine Kunstgalerie, die mittlerweile beide wieder geschlossen haben. Eine Unterstützung von Pop-Up-Stores werde es auch zukünftig geben.

In Hameln gibt es derzeit keine Pläne in Sachen Pop-up-Stores. Stadtmanager Dennis Andres sieht in dem neuen Konzept in Bad Pyrmont keine Lösung für die Rattenfängerstadt.
„Die Haupteinkaufsstraßen in Hameln sind hoch frequentiert“ und Vermieter würden ihre Objekte beispielsweise durch angebrachte Preissenkungen vermarktet bekommen, denn „einige Leerstände kommen durch hohe Mietpreise zustande, die nicht mehr marktgerecht sind“, wie Andres erklärt. Außerdem seien notwendige Renovierungsarbeiten ein Problem. Interessenten gebe es aber.

Das zeigt sich derzeit auch bei einem Blick in die Altstadt: In der Osterstraße entstehen zwei neue Gastronomen und mit „Myriel“ ist ein Schmuckladen neu hinzugekommen. Das leerstehende Geschäft „Waffenpaul“ soll renoviert und modernisiert werden, damit sich bald ein Mieter findet.

In der Bäckerstraße wurde mit „Laura Torelli“ ein Langzeit-Leerstand (ehemals „Buttlers“) wiederbelebt, auch ein Tattoo-Studio, ein Hofladen und ein weiterer Textiler sind kürzlich hinzugekommen. Zudem scheint, laut Andres, ein weiterer Leerstand bald wieder besetzt zu werden. Auch die Emmernstraße entwickelt sich nach Angaben des Stadtmanagers mit einigen neuen Geschäften, beispielsweise Edelkreis, sehr gut.

Zwar gebe es in den Haupteinkaufsstraßen auch Ladengeschäfte, bei denen es schwer falle neue Mieter zu finden, aber „dass Hameln nach wie vor als Einzelhandels- und Gastrostandort gefragt ist und weiterhin investiert wird“, stimme Andres positiv. Eine Aktion mit „Pop-Up-Stores“ zieht er deshalb vorerst nicht in Betracht, aber das heiße ja nicht, dass sich das nicht ändern könne. Die Pop-up-Entwicklung möchte er auf jeden Fall im Auge behalten. (mik)