Am 27. Januar vor 75 Jahren wurde Auschwitz befreit – das Sinnbild der Vernichtung der Juden und der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten ĂŒber die europĂ€ischen Völker. Sabine Gerlach und Margarete Wohlan rekonstruieren die AblĂ€ufe an diesem Tag.

Der 27. Januar 1945 ist ein kalter Wintertag. Auf dem GelĂ€nde des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau liegt Schnee, hier und da Aschehaufen verbrannter Dokumente, und GebĂ€udetrĂŒmmer, die von den Sprengungen der Krematorien und Gaskammern stammen. Es ist 15 Uhr, als die Rote Armee das Lager befreit. Hunderte von Menschen stehen hinter dem Stacheldrahtzaun und sehen den ersten sowjetischen Soldaten entgegen.

Der Pole Jacek Lech, MuseumsfĂŒhrer in Auschwitz-Birkenau, beschreibt diesen „Moment der Befreiung“, den er aus ErzĂ€hlungen von Zeitzeugen kennt:

„Die HĂ€ftlinge haben irgendwelche Menschen in Uniformen gesehen und sie hatten Angst. Plötzlich haben sie gehört, dass Russisch gesprochen wird, und dann langsam, sehr langsam, haben die HĂ€ftlinge versucht, sich mit den uniformierten Menschen zu verstĂ€ndigen irgendwie. Und dann haben die russischen Rotarmisten, die Soldaten gesagt, sie sind frei, sie sind frei!! Die konnten zuerst ĂŒberhaupt nicht verstehen, was es eigentlich bedeutet, frei zu sein in dem Moment. Das ist der Moment der Befreiung.“

Dieser Moment der Befreiung – noch unvorstellbar fĂŒr die Opfer, die krank, erschöpft und nah am Verhungern nur auf ihren Tod gewartet hatten. FĂŒr die Befreier ist etwas anderes unvorstellbar: dieser „Ort des Grauens“.

Die Dimensionen sind schockierend

Allein die Dimension des GelĂ€ndes schockiert bis heute die Besucher: 200 Hektar groß, teilweise bewaldet, mit insgesamt 450 GebĂ€uden, Straßen, PlĂ€tzen:

„Wenn man durch das Lager geht und diese riesige Weite sieht, und sich dann vorstellt, das war vollgestopft mit Menschen, die ermordet werden sollen, also dadurch ist mir die BrutalitĂ€t, die dahinter steckt, deutlicher geworden – die GrĂ¶ĂŸe wird durch den Raum deutlich, in dem man sich da bewegt.“

Der „Haarschneideraum“ – ein Bestandteil dieser Architektur des Bösen. Bei der Befreiung werden 293 SĂ€cke Haar gefunden mit einem Gesamtgewicht von 7000 Kilogramm.

Was macht das Grauen so grauenvoll? Unter anderem die verschleiernde Sprache – wie in der Funktionsbeschreibung der Lagerarchitektur: Block 28 – das Krankenhaus, Block 20 – die Infektionsabteilung.

Wie baut man das Grauen? Das Erste, was in Auschwitz errichtet wird, ist der Zaun. Mit zwölf Kilometern Stacheldraht allein in Birkenau. Dazu 27 WachtĂŒrme, 18 Stahltore, Krematorien, Gaskammern. Und direkt daneben: Das sogenannte SS-GebĂ€ude, Zutritt nur fĂŒr AuserwĂ€hlte, wie der Auschwitz-Überlebende Jozef Paczynski erzĂ€hlt. Er musste dort als LagerhĂ€ftling arbeiten:

„Das war ein GebĂ€ude neben dem Krematorium, wo die Lagerleitung saß. Und da gab es im Erdgeschoss einen Friseur- und Kosmetikladen, daneben eine Apotheke, eine Zahnarzt-Praxis, links eine Kantine und im ersten Stock eine Krankenstation – das alles natĂŒrlich nur fĂŒr die SS!“

Enthumanisierter Ort ohne Hoffnung

Tadeusz SmreczyƄski beschreibt das GefĂŒhl, das die enthumanisierte Architektur dieses Ortes bei ihm auslöst, als er Ende Mai 1944 nach Auschwitz kommt:

„Als ich durch das Tor ‚Arbeit macht frei‘ schritt, dachte ich an Dantes ‚Göttliche Komödie‘, die ich damals kurz vorher gelesen hatte – dort hat der Autor am Tor zur Hölle die Aufschrift angebracht ‚Lasst alle Hoffnung fahren, die, die ihr hier eintretet‘.“

Als die Rote Armee am 27. Januar Auschwitz-Birkenau befreit, findet sie Reste von Zyklon B, das zur Vergasung benutzt worden war. Und die Leichen von 600 HĂ€ftlingen, die im GelĂ€nde verstreut liegen; erfroren, erschossen, an Hunger gestorben. FĂŒr die rund 7600 Überlebenden leisten der sowjetische SanitĂ€tsdienst und das Polnische Rote Kreuz Erste Hilfe.

Von dem Tag der Befreiung existieren nur Fotos und Filme – kein Ton. Diese Stille jedoch ist fĂŒr Jacek Lech, MuseumsfĂŒhrer in Auschwitz-Birkenau, bezeichnend fĂŒr den Moment der Selbsterkennung der HĂ€ftlinge damals:

Ich bin alleine, jetzt habe ich alles verloren. Dann kommt langsam das Bewusstsein: Wie ist der Stand der Dinge jetzt. Also, ich lebe noch, ich weiß nicht, ob ich ĂŒberlebt habe. Also noch keine große PlĂ€ne, einfach die kleinsten Dinge, also Essen, Waschen, Gesundheit. Also, das ist die Situation in den ersten Stunden nach der Befreiung, ja.“

Text: Margarete Wohlan und Sabine Gerlach