Eine gesunde Lebensweise beginnt bei der ErnĂ€hrung und somit beim Einkauf. Ein Blick in die Einkaufswagen der Deutschen verrĂ€t jedoch, dass es hier nicht jeder so genau nimmt. HĂ€ufig weiß man aber auch gar nicht was wirklich gut ist und was nicht. In Deutschland soll deshalb neben NĂ€hrwerttabelle und Zutatenverzeichnis, die EU-weit Pflicht sind, eine zusĂ€tzliche Kennzeichnung von Lebensmitteln eingefĂŒhrt werden. „Ein vereinfachtes, erweitertes NĂ€hrwertkennzeichnungs-System vorne auf der Lebensmittelverpackung ist ein zentraler Baustein einer ganzheitlich ausgerichteten Politik fĂŒr eine gesunde ErnĂ€hrung – und zudem Auftrag aus dem Koalitionsvertrag“, erklĂ€rt das Bundesministerium fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft (BMEL).

Deshalb hat das BMEL eine Verbraucherforschung vom Max Rubner-Institut (MRI) durchfĂŒhren lassen, bei dem verschiedene Modelle vorgestellt und miteinander verglichen wurden. Die Ergebnisse der Studie mit mehr als 1600 Teilnehmern stellte BundesernĂ€hrungsministerin Julia Klöckner am 30. September in Berlin vor. Sieger ist der Nutri Score.

Fast 60 Prozent der Teilnehmer hatten sich dafĂŒr entschieden, dass dieses Ampelsystem eingefĂŒhrt werden sollte. Es sei am hilfreichsten und am leichtesten verstĂ€ndlich, heißt es. Das zweitplatzierte Modell, welches von dem durchfĂŒhrenden Institut selbst entwickelt wurde, erhielt lediglich 28 Prozent.

Das zeigt der Nutri-Score

Der Nutri-Score besteht aus einer fĂŒnfstufigen Farbskala mit den Buchstaben A bis E, dabei steht das grĂŒne “A” fĂŒr die gĂŒnstigste und das rote “E” fĂŒr die ungĂŒnstigste NĂ€hrwertbilanz. Diese entsteht dadurch, dass Kalorienanzahl sowie NĂ€hrstoffe miteinander verrechnet werden. So soll man beim Einkauf auf einen Blick die NĂ€hrstoffzusammensetzung eines Lebensmittels beurteilen und Produkte untereinander vergleichen können. Detaillierte Inhaltsangaben sind weiterhin in NĂ€hrwerttabellen und auf Zutatenlisten zu finden.
Die Verbraucherzentrale Hamburg hat den Nutri-Score bereits beispielhaft fĂŒr verschiedene Produkte berechnet. Die Ergebnisse gibt es unter www.vzhh.de. Der Score bezieht sich immer auf 100 Gramm eines Produktes.

Nicht berĂŒcksichtigt werden, nach Angaben der Verbraucherzentrale, Inhaltsstoffe wie Vitamine, Mineralstoffe, ungesĂ€ttigte FettsĂ€uren.

Freiwillig statt einheitlich

In Frankreich und Belgien ist der Nutri-Score schon auf Lebensmittelverpackungen zu finden. Weitere EU-LĂ€nder wĂŒrden ebenfalls ĂŒber seine EinfĂŒhrung diskutieren, so das BMEL. In Deutschland soll er im Laufe des Jahres 2020 eingefĂŒhrt werden. Seine Verwendung ist dann fĂŒr die Hersteller freiwillig.

Eine verpflichtende Kennzeichnung könnte, wie die Verbraucherzentrale informiert, aktuell nur die EU vorschreiben. Das sei ein Problem: „Es braucht ein einheitliches, europaweites System, das fĂŒr alle Hersteller Pflicht ist. Sonst droht ein Flickenteppich aus unterschiedlichen Darstellungen, die beim Einkauf kaum helfen, Zusammensetzungen und Inhaltsstoffe leicht zu bewerten und Produkte miteinander zu vergleichen“, wie die Verbraucherzentrale auf ihrer Internetseite ausfĂŒhrt.

Eine einheitliche Regelung wĂŒnschen sich auch viele Verbraucher. Deshalb fordert die europĂ€ische BĂŒrgerinitiative “Pro Nutriscore” die EU-Kommission auf, den Nutri-Score europaweit verpflichtend vorzuschreiben. Bisher hat die Initiative fast 75.000 Unterzeichner fĂŒr sich gewinnen können. 1.000.000 sind das Ziel.

Was sagt das Weserbergland zum Nutri-Score?

Dr. Andreas Hoffmann, Leiter des Adipositaszentrums am Sana Klinikum in Hameln, hĂ€lt die EinfĂŒhrung des Nutri-Scores fĂŒr sinnvoll. „Auf diesem Weg kann man Kunden im GeschĂ€ft viel schneller klar machen was gesund und was ungesund ist“, meint der Experte. Zudem sei die Schrift bei Zutatenlisten teilweise zu klein und „daher liest kaum jemand die NĂ€hrwerttabelle“.

Ähnlich sieht es Lisa Huxol, DiĂ€tassistentin und ErnĂ€hrungsberaterin in Hameln und Extertal: „Viele Menschen nehmen sich immer weniger Zeit beim Einkaufen, Kochen und Essen. Die NĂ€hrstofflisten werden immer kleiner und unĂŒbersichtlicher gestaltet, so dass der Leser eine zusĂ€tzliche HĂŒrde nehmen muss, um sich im Dschungel der Nahrungsmittel zurecht zu finden.“

Sowohl Dr. Hoffmann als auch Frau Huxol weisen darauf hin, dass man sich nicht nur auf die Wertung des Nutri-Scores verlassen sollte. „Der Nutri Score gibt einen groben Richtwert, kann aber nicht angeben, dass alles gut ist“, erklĂ€rt Hoffmann. Man muss differenzieren und abwĂ€gen können. Es ist nicht sinnvoll mit dem Nutri-Score Lebensmittel verschiedener Produkt-Gruppen miteinander zu vergleichen, denn ein Orangensaft könnte durchaus eine schlechtere Wertung bekommen als beispielsweise eine Cola Light, was schon sehr unglaubwĂŒrdig wirkt.

Carina Meyer, DiĂ€tassistentin (allergologische ErnĂ€hrungstherapie / VDD ) aus Hameln hĂ€lt nicht viel von dieser Art der Bewertung, gerade weil sie eben sehr einfach gehalten ist. „Ein komplexes Feld, wie es die Lebensmittelindustrie / ErnĂ€hrung nun einmal sind, kann nicht in A bis E eingeteilt werden, eben ohne jeglichen Zusammenhang mit den Vitaminen oder Mineralstoffen, der Energiedichte etc.“

Allgemeine Bildung unverzichtbar

„Nur wenn das Wissen da ist, ist auch das Verstehen da. Und erst dann ist auch die Bereitschaft dazu da, etwas zu Ă€ndern“, erklĂ€rt Meyer. „Ein Nutri-Score wird Deutschland nicht dĂŒnner machen; auch nicht gesĂŒnder. Es ist nur wieder ein Versuch mit wenig Mitteln dem BĂŒrger vorzumachen, dass wir etwas tun. Aber im Grunde, tun wir nichts“, sagt die DiĂ€tassistentin. Sie ist der Überzeugung, dass die Menschen lernen mĂŒssen, was Lebensmittel sind und welche Mengen der Körper von was braucht. Dabei könne ihres Erachtens auch diese NĂ€hrwertampel nicht helfen.

„Eine frĂŒhe AufklĂ€rungsarbeit ĂŒber ‚gesunde‘ und ‚ungesunde‘ Lebensmittel bzw. ‚nĂ€hrstoffreiche‘ und ‚nĂ€hrstoffarme‘ Lebensmittel in der Erwachsenenbildung, KindergĂ€rten und Schulen“ ist besonders wichtig, wie Huxol erklĂ€rt. Sie ist der Meinung, dass der Nutri-Score bei gesunden Menschen eine Hilfe sein kann, ein grobes GefĂŒhl fĂŒr den NĂ€hrwert eines Lebensmittels zu bekommen, aber: „Da 54 Prozent der deutschen Bevölkerung ĂŒbergewichtig oder adipös sind und es weitaus mehr erfordert als nur seine Lebensmittel nach einem FĂŒnf-Schema-Element auszuwĂ€hlen, sehe ich keinen Mehrwert fĂŒr diese Gruppe.“

Dr. Hoffmann ist sich nicht sicher, ob die EinfĂŒhrung des Nutri-Score etwas an der gesundheitlichen Situation in Deutschland Ă€ndern wird: „Mit Ausnahme der Menschen, die bisher schon bewusst auf ihre Nahrungsmittelauswahl geachtet haben, werden weiterhin viele MitbĂŒrgern das einkaufen, was ihnen schmeckt und was sie immer gekauft haben – dennoch ist der Nutri Score ein sinnvoller Ansatz, mit einfachen Mitteln, ungesunde Nahrungsmittel zu deklarieren.“

Fazit

Die EinfĂŒhrung des Nutri-Scores ist ein Schritt auf dem Weg ins Ziel, aber man sollte sich nicht ausschließlich auf diese Art der Lebensmittelbewertung verlassen. Essenziell fĂŒr eine gesunde Bevölkerung nach wie vor ist eine gute Bildung.
(mik)