Seit rund 100 Jahren dĂŒrfen Frauen wĂ€hlen. Vorurteile wie „Das schwache Geschlecht“ oder „ Frauen gehören in die KĂŒche“ sind im Jahr 2019 weitestgehend abgebaut. Frauen sind emanzipiert und selbstbewusst. Sie arbeiten auch in der Industrie und der Wissenschaft. Sogar Deutschlands „Oberhaupt“, die Bundeskanzlerin, ist eine Frau. Warum braucht solch ein Land also eine Diskussion oder die Überlegung eine Frauenquote einzufĂŒhren? Ist das nicht eigentlich diskriminierend oder trĂŒgt der Schein der Gleichstellung?

Unsere Redaktion hat drei erfolgreiche und starke Frauen aus dem Weserbergland interviewt und sie nach ihrer Meinung zum Thema Frauenquote gefragt. Mit dabei sind Tanya Warnecke, SaftgemeindebĂŒrgermeisterin aus Bodenwerder-Polle; Susanne Treptow, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Stadtwerke Hameln und Expertin Kirsten Wente, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Hameln-Pyrmont. Sie alle haben ihren eigenen Werdegang und ihre Geschichte.

„Eine andere Generation wĂ€chst heran“

Tanya Warnecke hat 1995 ihr Abitur am VikiLu in Hameln absolviert und arbeitete anschließend ĂŒber 20 Jahre bei der Volksbank Hameln-Stadthagen. Anschließend war sie bei der Technischen Akademie und einem Unternehmen aus Bodenwerder tĂ€tig. 2016 trat sie fĂŒr die CDU zur Wahl des SamtgemeindebĂŒrgermeisters an und setzte sich durch. Nun steht sie als Frau an der Spitze der Verwaltung die Samtgemeinde Bodenwerder-Polle und ist sehr zufrieden mit ihrem Amt. „Ich habe jetzt Halbzeit und viele Projekte die wir geplant haben können wir nun umsetzen. Das ist sehr spannend und schön“, erklĂ€rt Warnecke.

Gerade in der Politik sind viel weniger Frauen als MĂ€nner vertreten, doch Warnecke ist sich sicher, dass ein Umdenken stattgefunden hat. „Eine andere Generation wĂ€chst heran, fĂŒr die solche Sachen selbstverstĂ€ndlich sind. Ich komme aus einer ĂŒberwiegend durch MĂ€nner geprĂ€gten Partei und auch in der CDU hat ein Umdenken stattgefunden“, berichtet die SamtgemeindebĂŒrgermeisterin. An die Notwendigkeit einer Frauenquote glaubt sie daher nicht direkt: „Eine Quote ist schwierig. Ich finde Frauen und MĂ€nner begegnen sich heute auf Augenhöhe. Es gibt Bereiche, diese ‘typischen Frauenberufe’, meist in sozialen Bereichen, die nicht fair entlohnt werden, das ist ein Problem“, schlussfolgert Warnecke.

Zwar wurde auch sie schon mal von Ă€lteren Herren unterschĂ€tzt, doch dann ĂŒberzeugt sie durch die QualitĂ€t ihrer Arbeit und so schĂ€tzt sie es auch in anderen FĂ€llen ein.

„Eine gute Mischung finde ich grundsĂ€tzlich ĂŒberall gut und wichtig“

Susanne Treptow, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Hamelner Stadtwerke absolvierte 1989 ihr Abitur am Wirtschaftsgymnasium und absolvierte anschließend eine Ausbildung zur Industriekauffrau mit Informatikstudium, darauf folgte die Qualifikation zur Bilanzbuchhalterin und ein Betriebswirtschaftsstudium. 2004 legte sie erfolgreich ihre SteuerberaterprĂŒfung vor dem NiedersĂ€chsischen Finanzministerium ab und wurde zur GeschĂ€ftsfĂŒhrerin der Stadtwerke bestellt. Aktuell ist sie mit ihrem Beruf sehr zufrieden und mit Herzblut dabei.

Trotz ihres ĂŒberzeugenden Werdegangs hatte auch sie schon mit Vorurteilen zu kĂ€mpfen. „WĂ€hrend man bei MĂ€nnern Kompetenz voraussetzte, wurde ich schon beĂ€ugt: ‘Kann sie das? Schafft sie das?’ FĂŒr Frauen ist der Verhaltenskorridor oft eng, das ist eine Gratwanderung. Wer nicht bestimmt genug ist, wird abgestempelt, wer zu forsch auftritt, ebenso“, berichtet Treptow.

Eine Frauenquote hĂ€lt Sie per se nicht fĂŒr notwendig. „Eine gute Mischung finde ich grundsĂ€tzlich ĂŒberall gut und wichtig, nicht nur in verschiedenen Gremien, sondern beispielsweise auch auf den verschiedenen Unternehmensebenen. Je nach Branche ist es sicherlich bereits stark unterschiedlich, wie viele Frauen in FĂŒhrungspositionen sind, beispielsweise sind es in den sozialen Berufen meist mehr. Interessanterweise haben Frauen gemĂ€ĂŸ verschiedener Studien hinsichtlich SchulabschlĂŒssen ‘die Nase vorn’. Und meiner Erfahrung nach erweisen sie sich meist kommunikationsstĂ€rker als MĂ€nner“, so die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin.

„Wir fordern das ParitĂ©-Gesetz“

Kirsten Wente ist die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Hameln-Pyrmont und das seit dem Jahr 1994. Sie ist das Bindeglied zwischen Verwaltung und Politik, wenn es um Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann geht und diesen Punkt gibt es in fast jedem Thema. „Die Gleichstellungsbeauftragten beraten und unterstĂŒtzen die Verwaltung und die Politik darin, gleichstellungspolitischen Handlungsbedarf innerhalb der Gebiete zu erkennen und Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts abzubauen. Wir wollen die Frauen voranbringen und nicht die MĂ€nner bremsen“, erklĂ€rt sie ihre Arbeit. Dies geht von Themen wie Frauen in FĂŒhrungspositionen oder in die Politik bringen, als auch die Gewalt an Frauen zu stoppen oder Arbeitsbedingungen familienfreundlicher und flexibler zu gestalten.

Leider gibt es immer noch zahlreiche strukturelle Benachteiligungen von Frauen. Wente spricht sich daher ganz klar fĂŒr eine Frauenquote aus. „Die Erfahrung zeigt einfach, freiwillig passiert so etwas nicht“, sagt sie und ergĂ€nzt ein Beispiel: „Noch immer werden Frauen bei einem VorstellungsgesprĂ€ch gefragt, ob sie Kinder haben. Gesetzlich mĂŒssen sie diese Frage nicht beantworten, doch das wissen viele nicht und MĂ€nner, obwohl sie ja genauso VĂ€ter seien können, werden nicht gefragt.“ Es gibt also immer noch Vorurteile, die noch immer nicht abgebaut sind. „Wir als Gesellschaft machen es uns selbst schwer. Mehr Toleranz wĂ€re wĂŒnschenswert“, so Wente.

Um die gesellschaftlichen Vorurteile abzubauen, mĂŒsse man bestenfalls schon im Kindergarten ansetzen. „MĂ€dchen tragen rosa und spielen mit Puppen. Dieses Vorurteil wird durch die Werbung heutzutage immer mehr bestĂ€rkt“, erklĂ€rt sie und greift als Beispiel das rosa Ü-Ei fĂŒr MĂ€dchen auf.

Im Jahr 2016 wurden rund 109.000 Frauen Opfer von Gewalt in einer Partnerschaft. Noch immer leisten Frauen anderthalb mal so viel Haus- und Pflegearbeit wie MÀnner. Zudem sind nur 11,4 Prozent der Verwaltungsspitzen in Landkreisen, kreisfreien StÀdten und Stadtkreisen von Frauen besetzt. (Diese Zahlen stammen von der Bundeskonferenz der kommunalen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten.)

In der Politik sieht es ebenfalls mau aus: Im Kreistag Hameln-Pyrmont liegt der Frauenanteil lediglich bei 27,45 Prozent. Daher gibt es nun vom Land Niedersachsen das Mentoring-Programm „Frau.Macht.Demokratie.“ Hierbei können Politikerinnen als Mentorin interessierte Frauen den Einstieg in die Politik erleichtern. „Dabei ist es so wichtig, dass wir Frauen in den Gremien und AusschĂŒssen sitzen haben, weil sie einen anderen Blickwinkel auf die Sache haben als MĂ€nner“, sagt Wente. Daher fordert der Arbeitskreis der Gleichstellungsbeauftragten im Landkreis Hameln-Pyrmont auch das ParitĂ©-Gesetz. Das bedeutet, dass Frauen und MĂ€nner abwechselnd auf einer Wahlliste aufgestellt werden mĂŒssen. In 23 LĂ€ndern ist dies bereits Gesetzt, beispielsweise in Frankreich.

Aktuell gibt es kein Gesetzt zur Frauenquote, sondern lediglich das Gesetzt fĂŒr die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und MĂ€nnern an FĂŒhrungspositionen in börsennotierten AufsichtsrĂ€ten von Unternehmen. Hier liegt die Quote bei 30 Prozent.

(lbr)