Auch minimale Werte zählen

Für die einen bedeuten die Kupfermünzen persönliche Freiheit, die anderen ärgern sich über fette Geldbörsen mit geringem Wertinhalt. Während andere Länder schon längst das Minigeld abgeschafft haben, wird in Deutschland seit sieben Jahren darüber diskutiert. Im Januar erregte ein Arbeitspapier von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Gemüter. Wird noch in diesem Jahr das Ende des Bargeldes von der Europäischen Union eingeleitet?

Teure Ein-Cent-Münze

2020 werden nach Angaben der Bundesbank die deutschen Münzprägeanstalten Geldscheiben im Wert von 621.000.000 Euro stanzen, die Bargeldmenge wächst jährlich. Kaputte, verloren gegangene und gesammelte Münzen müssen ersetzt werden. Doch die aufwändige Herstellung einer Ein-Cent-Münze aus Stahl und Kupfer kostet 1,65 Cent, nicht eingerechnet die Summen für das Zählen und den Transport. Ein guter Grund, die kleinen Münzen zu entsorgen. Doch solche Experimente scheitern in der BRD regelmäßig, zuletzt auf Wangerooge. Die Händler bekommen keine neuen Münzen, versuchen aber, mit den vorhandenen auf der Insel auszukommen und halten die von den Käufern geliebten krummen Preise.

Münzen spart der Kunde

Für das Bäckerhandwerk wäre die Abschaffung der kleinen Cent-Münzen ein großer Umsatzverlust, sagen Stefanie Mundhenk und Thomas Wegener von der Hamelner Bäckerei Wegener. Solange die Kunden bei ihnen ausschließlich bar bezahlen, schauen sie, trotz gefülltem Portemonnaie, natürlich auf jeden Cent, beobachten die Branchenkenner. Klar ist für sie, egal ob auf- oder abgerundet wird, es ist in jedem Fall eine Einbuße, ein Umsatzverlust, ein Ärgernis. Kunden, die Mundhenk auf das Thema anspricht, sagen: „Wer den Cent nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!“. Das unpraktische Kleingeld aber bleibt nicht in der Geldbörse. So stellte die Saarbrücker Zeitung in einer Datenerhebung fest, dass deutsche Haushalte rund 15.000.000.000 der kleinsten Cent-Münzen im privaten Bereich bunkern, umgerechnet etwa 220 Millionen Euro. Bezahlsysteme, Preise und Gewohnheiten müssen sich also ändern, bevor die Bundesbürger bereit sind, auf kleine Wertmünzen zu verzichten.

Ohne Kupfercent in die Zukunft

Laut Eurobarometer wächst in Deutschland die Zustimmung für die Abschaffung der mittelalterlich anmutenden Kupfermünzen. 2018 sind es bereits 60 Prozent der Bundesbürger, die auf das Kleinstgeld verzichten wollen. Einige europäische Länder wie die Niederlande, Ungarn, Dänemark, Schweden, Belgien, Irland, Italien und Finnland tun dies bereits und runden bei Barzahlung auf bzw. ab. Ein- und Zwei-Cent-Münzen aber sind offizielle Zahlungsmittel im Euro-Raum, die EU wird dazu eine Entscheidung treffen müssen.

Wie wird die EU entscheiden?

Experten wie Bundesbank-Vorstand Johannes Beermann lassen sich von medialen Diskussionen nicht aus der Ruhe bringen. Der Experte äußerte sich kürzlich gegenüber dem MDR: „Wir werden erst einmal in aller Ruhe abwarten, wie sich das Arbeitsprogramm der Kommission dann auch tatsächlich darstellt. Und ich glaube, wir dürfen auch nicht vergessen, dass es in diesem Land immer noch genügend Menschen gibt, bei denen es tatsächlich auf jeden Cent ankommt.“ Davon zeugen auch die Spendenboxen auf vielen Verkaufstheken. Etwa 1,35 Millionen Euro jährlich nehmen Organisationen wie das Kinderhilfswerk durch Mini-Spenden ein. In Penny-Supermärkten beispielsweise wird auf Wunsch des Kunden der Kassenbetrag gerundet und kommt örtlichen Vereinen zugute. Bei Barzahlungen funktioniert das, doch viele lassen bereits Summengenau mit Karte abbuchen. Laut einer Allensbach-Studie zahlt jeder zweite Befragte zwischen 30 und 44 Jahren lieber unbar, statt bar. Tendenz: steigend.

In Schweden nur mit Karte

Schon heute zahlen weniger als 15 Prozent aller Schweden in baren Kronen. Ein großer Vorteil: Raubüberfälle, Schwarzgeldgeschäfte und staatlichen Ausgaben sinken. Auch Ikea testet das bargeldlose Bezahlen in einer Filiale so positiv, dass hier womöglich Münzen und Scheine bald abgeschafft sein könnten, berichtete die TAZ. Die kurzen Wartezeiten an der Kasse und zufriedene Mitarbeiter überzeugten den Kundenchef in Gävle. Laut einer Studie der TU Stockholm könnte Schweden bereits 2023 bargeldfrei sein, als erstes Land in der Europäischen Union. Dabei waren es gerade die Schweden, die um 1661 die ersten gedruckten Banknoten in Europa in Umlauf brachten. Aus praktischen Gründen: Münzen wiegen schwer, daran hat sich bis heute nichts geändert.