Wenig Gehalt, Schichtarbeit und Personalnot. Der demografische Wandel hält in Deutschland Einzug und bringt den Pflegenotstand mit sich. Die Heime sind voll, genau wie die Krankenhäuser und auch die ambulanten Dienste werden immer mehr gebraucht. Die Pflege ist am Limit und ein Ende des Fachkräftemangels ist nicht in Sicht.

Der Landkreis Hameln-Pyrmont stellt selbst verschiedene Aktionen auf die Beine, um dem Pflegenotstand im Weserbergland entgegen zu treten. So fand im Januar beispielsweise der Gesundheitsdialog „Pflege und Politik – Erwartungen und Möglichkeiten“ der Gesundheitsregion Hameln-Pyrmont statt. Am 27. Februar lädt der Landkreis zum dritten Pflegetisch ein.

Ein Thema treibt die Berufsgruppe der Pflegenden zurzeit besonders um: Die Pflegekammer soll die Interessen der Angestellten vertreten. „Der Gründung unserer Pflegekammer ging ein jahrzehntelanges hohes Engagement vieler Pflegefachpersonen für bessere Pflegebedingungen und eine selbstbestimmte Vertretung voraus. Beruflich Pflegende hatten bislang keine einheitliche, gemeinsame Stimme. Entsprechend schwach war ihre Position, gerade auch in wichtigen politischen Gremien und somit auch ihr Einfluss auf die Gestaltung von besseren Rahmenbedingungen für die berufliche Pflege. Ziel ist es, die Bedingungen beruflicher Pflege auf politischer Ebene positiv zu beeinflussen und die Mitglieder in den Pflegeberufen zu unterstützen.“, heißt es auf der Seite der Pflegekammer.

Hört sich zunächst gut an, doch bisher kam davon bei den Pflegekräften wenig an. Kurz vor Weihnachten 2018 legte die Kammer einen Fehlstart hin und schickte die Beitragsbescheide raus. Ob man Mitglied in der Kammer wird und wie viel man bezahlen muss, kann man nicht frei entscheiden. „Mitglied der Pflegekammer Niedersachsen ist, wer über eine staatliche Anerkennung in der Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege oder Altenpflege verfügt, in Niedersachsen berufstätig ist und dabei sein Können und Wissen aus der Ausbildung einsetzt“, heißt es auf der Internetseite der Pflegekammer. Damit löste die eigentliche Interessenvertretung eine scharfe Diskussion und sogar Demonstrationen aus.

Auch beim Gesundheitsdialog des Landkreises war die Pflegekammer das Thema Nummer eins. Die Bundestagsabgeordneten Jutta Krellmann (Die Linke) und Johannes Schraps (SPD) waren unter anderem vor Ort. „Bei der spannenden Diskussion hat das Thema Pflegekammer eine wichtige Rolle gespielt. Ich habe an diesem Abend viel Kritik an der Pflegekammer gehört. Positiv ist, dass in der Region manche Einrichtungen die Kosten für die Pflegekammer für ihre Beschäftigten übernehmen. Aber das löst das grundsätzlich Problem nicht“, berichtet Krellmann. Ihre Partei kritisiert, dass es sich bei der Kammer um einen reinen Verwaltungsapparat handele und die Pflegekräfte zunächst nichts davon haben würden. „Denn die Kammer kämpft nicht für bessere Löhne oder bessere Arbeitsbedingungen, sondern finanziert in erster Linie sich selbst. Aus unserer Sicht sollte die Pflegekammer wieder eingestampft werden“, ergänzt Krellmann. Der Ansatz der Linken seien starke Gewerkschaften und mehr Mitbestimmung. „Diese Interessenvertretungen kämpfen nämlich für das was die Beschäftigten wirklich interessiert: faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen“, so die Abgeordnete.

So hat Johannes Schraps den Dialog gesehen: „Viele Probleme, die diskutiert wurden, stehen bereits auf der politischen Agenda – zum Beispiel die notwendige Verbesserung der Situation in der Ausbildung der Pflegeberufe. Ich habe mich deutlich dafĂĽr ausgesprochen, dass die Attraktivität der Pflegeberufe verbessert werden muss, dass dies jedoch nur mit vielen MaĂźnahmen erreicht werden kann, die sich gegenseitig flankieren. Mit einer adäquaten Bezahlung, mit einem guten und verlässlichen Arbeitsumfeld und mit ordentlichen Arbeitsbedingungen“, berichtet er unserer Redaktion. Den Start der Pflegekammer sieht er als maximal unglĂĽcklich an. „Die Beitragsordnung einer Kammermitgliedschaft muss sich an den realen Lohnverhältnisse der Kammermitglieder orientieren“, erklärt Schraps. Auch er hält eine starke gewerkschaftliche Vertretung fĂĽr einen besseren Weg als die Pflegekammer, weil die Tarifpartner die Tarifverträge und damit die Entlohnung der Pflegekräfte verhandeln wĂĽrden.

Auch die heimischen Arbeitgeber im Pflegebereich sprechen mit ihren Mitarbeitern über dieses Thema. Einige finden, dass die Aufgaben der Kammer nicht transparent genug beschrieben sind. Außerdem seien die Beiträge zu hoch und es gibt Bedenken über den Umgang mit den sensiblen Daten der Mitarbeiter. Wie sich die Pflegekammer weiter entwickelt und ob sie Einfluss auf die Politik ausüben kann, bleibt abzuwarten.