Die Qual der Wahl: Real- und Oberschule behalten oder doch eine zweite IGS?

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Realschule Hameln Theodor Heus
Aus der Realschule könnte eine IGS werden. Foto: Brümmer

Heiße Diskussion um Schulentwicklungsplanung für Hameln

Fast 50 Prozent der Schüler besuchen heute ein Gymnasium. Der Trend geht zum Abitur, wenn nicht direkt, dann über den zweiten Bildungsweg. Die reine Hauptschule ist bereits ausgestorben und immer weniger Eltern schicken ihr Kind auf eine Real- oder Oberschule. Die Hamelner Politik will auf aktuelle Entwicklungen in der Schullandschaft reagieren und beauftragte die Verwaltung mit der Erstellung eines Schulentwicklungsplans. Die Anpassung des Systems in der Rattenfängerstadt wurde im jüngsten Ausschuss für Familie, Kindertagesstätten, Schulen und Sport Mitte Februar diskutiert und sorgte für zahlreiche Zuschauer, die bereits in der Einwohnerfragestunden das Thema kritisch hinterfragten.

In der Beschlussvorlage schlägt die Verwaltung zwei mögliche Optionen vor: „Das viergliedrige weiterführende Schulsystem in der Stadt Hameln wird aufrechterhalten. Die sechs Schulstandorte werden bedarfsorientiert ertüchtigt und den stetig veränderten Anforderungen angepasst.“ Oder: „Das weiterführende Schulsystem in Hameln wird zu einer zweigliedrigen Schullandschaft ausgebaut und zukunftssicher gestaltet. An zukünftig vier Standorten sollen drei Gymnasien sowie zwei Integrierte Gesamtschulen (IGS) auf Dauer die Bedarfe erfüllen.

Das Interesse der Erziehungsberechtigten an der Schulform Gesamtschule wird durch eine Befragung der Eltern der ersten bis vierten Grundschulklassen gem. § 106 NSchG ermittelt. Unter der Voraussetzung, dass die Befragung das Interesse der Eltern bestätigt, wird die Verwaltung beauftragt, die konkrete Umsetzungsplanung im Rahmen der vorhandenen finanziellen und personellen Ressourcen schrittweise einzuleiten.“

Die verschiedenen Szenarien

Die Verwaltung hat die Leitungen der Hamelner Schulen in den Entwicklungsprozess mit eingebunden und bereits im vergangenen Jahr gemeinsam verschiedenen Möglichkeiten bei einem Workshop erarbeitet. Der Status quo umfasst drei Gymnasien in Hameln, eine IGS, zwei Oberschulen (Pestalozzi und Wilhelm-Raabe-Schule) und eine Realschule (Theodor-Heuss-Realschule).

Im ersten Szenario wird aus der Pestalozzi-Oberschule ein neues Grundschulzentrum und die Oberschule in der Südstadt wird zu einer weiteren IGS ohne Oberstufe. Die Realschule bleibt bestehen.

In der zweiten Möglichkeit wird auch die Realschule in eine IGS umgewandelt. Ebenfalls ohne Oberstufe. Damit würde es dann drei integrative Gesamtschulen in Hameln geben.

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Im dritten Szenario wird die Pestalozzi-Oberschule ebenfalls zum Grundschulzentrum und die Realschule zur IGS, jedoch achtzügig, da die Wilhelm-Raabe-Schule in diesem Plan nicht mehr mit enthalten ist.

Jedoch gab es für die Lösungen, die eine Schließung des Grundschulstandortes in der Südstadt notwendig machen würden, keinen Zuspruch. Somit bleibt wie oben aus der Beschlussvorlage zitiert, die Möglichkeit einer großen neuen IGS anstelle der Realschule, oder aber der Erhalt und die Verbesserung des derzeitigen Angebotes.

Noch scheinen sich die Fraktionen des Hamelner Rates genau wie Eltern, Bürger und Lehrer nicht einig zu sein, welches die beste Option für die Rattenfängerstadt ist. Während die CDU und SPD noch Beratungsbedarf in ihren Fraktionen haben, konnten sich die Grünen und die FDP bereits positionieren.

Die Grünen wollen Vielfalt durch Bildungsgerechtigkeit

In ihrem Positionspapier zum Schulentwicklungsplan 2030 bekennen sich die Grünen zu einem zweigliedrigen System. Sie möchten Chancengleichheit für alle Schüler und einen möglichst langen gemeinsamen Bildungsweg. „Daraus ableitend kommen wir Grünen in Hameln zu dem Ergebnis, dass perspektivisch ein zweigliedriges Schulsystem der Schritt in die richtige Richtung für die Kinder unserer Stadt ist. Der Vorschlag der Verwaltung zu der Ausgestaltung eines zweigliedrigen Schulsystems aus Gymnasien und IGS findet jedoch nicht unsere uneingeschränkte Zustimmung“, heißt es im Papier. „Es ist nicht in unserem Sinne, die Theodor-Heuss-Realschule zu einer achtzügigen IGS zu entwickeln und den Schulstandort in der Südstadt zu schließen. Eine achtzügige IGS ist unserer Meinung nach zu groß und der bisherige Charakter der Theodor-Heuss-Realschule würde in diesem großen Schulzentrum untergehen. Zudem sehen wir heute an der Wilhelm-Raabe-Oberschule die Wichtigkeit eines Schulstandortes in der Südstadt“, heißt es weiter. Sie verfolgen den Bildungshaus-Charakter der in der Südstadt schon fast vorhanden ist. Zudem spricht sich die Fraktion der Grünen für eine Stadtteilschule mit unterschiedlichen Profilen aus.

FDP sieht mehr Vielfalt in dem viergliedrigen System

Die FDP-Fraktion möchte an allen vier Schulformen festhalten. Die jetzigen Schulen sollen gefördert werden, damit alle Bedingungen erfüllt werden um „guten Unterricht“ zu ermöglichen. „Alle Argumente für die IGS führen dazu, dass letztlich die Gymnasien überflüssig werden“, sagte Herbert Habenicht im Ausschuss in der Aula des Albert-Einstein-Gymnasiums.

Schulleitung der Real- und Oberschulen beziehen Stellung

So wie die FDP-Fraktion sehen es auch die Leitungen der betroffenen Schulen. Sie setzen sich für die Erhaltung der aktuellen Schullandschaft ein und somit für ihre Schulen. „Die mittelfristige Entwicklung der SchülerInnenzahlen ist relativ konstant, so dass eine Auslastung der derzeitigen Schulen gewährleistet bleibt. Es ist im Gegenteil so, dass Kapazitäten fehlen, um den Ansprüchen an zeitgemäßen Unterricht zu genügen“, heißt es in der Stellungnahme. Zudem würden sie nicht den Wunsch der Eltern nach einer weiteren IGS erkennen. Außerdem heißt es weiter: „Integrierte Gesamtschulen sind ersetzende Schulformen für SchülerInnen aller Schulformen des gegliederten Systems. Ihre Schülerschaft soll möglichst Abbild der gesellschaftlichen/sozialen Struktur sein. Die Einbindung eines/aller Gymnasien in ein durchgängiges IGS-System ist nicht angedacht. Von daher kann eine weitere IGS die ihr zugedachte Aufgabe überhaupt nicht wahrnehmen. Sie würde somit reiner Ersatz für die beiden Oberschulen und die Realschule.“

In der Stellungnahme nennen die Schulleitungen insgesamt sieben schlüssige Argumente die jetzigen Schulformen zu erhalten. „Schulen brauchen Zeit und Ruhe, um sich kontinuierlich weiterzuentwickeln – das gilt für alle Schulformen und –stufen. Dies zu gewährleisten und mit aller Energie zu unterstützen, erscheint uns als vordringliche Aufgabe des Schulträgers. Gelebte Vielfalt ist aus unserer Sicht das Gebot der Stunde“, so der abschließende Hinweis. Zudem vermuten die Schulleitungen, dass die Wahl der Eltern bei einem zweigliedrigen System noch mehr auf die Gymnasien fallen würde als es jetzt schon der Fall sei.

Im April geht die Diskussion im nächsten Ausschuss weiter, so lange heißt es abwarten.

(lbr)