Ein Jahr nach dem NW-Radtest: Was hat sich in Hameln verändert?

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Fahrradtest Schriegen Hameln
Manchmal haben es Radfahrer durch zu viele Schilder garnicht so leicht. Auf ein Fahrrad-Frei-Schild folgt ein nur Fußgänger-Schild. Foto: Brümmer

Fahrradfahren liegt im Trend: Immer mehr Menschen nutzen wieder das Zweirad um von A nach B zu gelangen, ganz egal ob zur Arbeit oder zum Einkaufen. Das beliebte Fortbewegungsmittel schont die Umwelt und fördert die eigene Gesundheit, im Grunde eine Win-win-Situation. Doch kann man in Hameln wirklich auf das Auto verzichten?

Seit 2017 zählt Hameln zu den fahrradfreundlichen Kommunen in Niedersachsen. In der Rattenfängerstadt gibt es einen Fahrradbeauftragten und auch für die Zukunft plant die Stadt mehr für die Radfahrer zu tun. Als nächstes Projekt sollen rund 500 Fahrradboxen in der Stadt aufgestellt werden. Dort sollen Drahtesel-Besitzer ihre Räder dann gegen eine Miete von zwei bis sechs Euro im Monat sicher parken können. Aktuell sucht die Verwaltung gemeinsam mit den Bürgern nach geeigneten Orten für diese Boxen. Die Interessenbekundung läuft noch bis zum 27. Mai.

Im ADFC-Fahrradklima-Test erreichte Hameln lediglich eine Schulnote von 3,8 – also gerade mal ausreichend. Dennoch landete man mit diesem Ergebnis auf dem vierten Platz der Städte in Niedersachsen. Besonders bemängelt wurde die Führung an Baustellen und die Breite der Radwege. Positiv fiel hingegen auf, das viele Einbahnstraßen für Radfahrer in beiden Richtungen befahrbar seien und auch die Erreichbarkeit des Stadtzentrums fiel positiv aus.

So sah es 2018 aus

Vor rund einem Jahr fuhren Zweiradmechatronikmeister Timo Schriegel und ich mit dem E-Bike durch Hameln und testeten wie fahrradfreundlich die Stadt wirklich ist. Dabei machten wir ebenfalls positive und negative Erfahrungen. Manchmal waren wir verwirrt und manchmal hatten wir sogar Angst um unser Leben, doch immer kamen wir schnell an unser Ziel. Das Fazit 2018 fiel also gemischt aus: Wir stellten fest, dass man schnell mit dem Rad durch die Stadt kommt und bei einer Fahrt in die Innenstadt lohnt sich der Umstieg vom Auto. Keine lästige Parkplatzsuche und keine Probleme mit dem anstrengenden Verkehr. Dennoch muss man auch sagen, dass man als Radfahrer nicht immer auf der sicheren Seite ist und sich auch nicht immer an die vorgegebenen Regeln halten kann.

Ein Jahr später – Start in Emmerthal

Rund ein Jahr später schwangen Timo Schriegel und ich uns erneut auf das Fahrrad. Wir wollten schauen, was sich innerhalb eines Jahres in der Rattenfängerstadt getan hat. Dafür nahmen wir uns vor, unsere alten Schwerpunkte erneut anzufahren, doch auch behielten wir neue Sachen im Auge.

Gestartet wurde diesmal jedoch nicht an der Fischbecker Straße, sondern in Emmerthal. Innerhalb von 15 Minuten waren wir ohne große Anstrengung über Hagenohsen und Tündern in Hameln. Da war ich schon mal positiv überrascht, mit dem Auto dauert es gerade morgens fast schon länger.

Baustelle Kuhlmannstraße und der Bahnhof

Unser erster Punkt war die Baustelle an der Kuhlmannstraße. Nach kurzer Verwirrung, wo wir denn überhaupt langfahren dürfen, stellte sich heraus, dass gut für die Radfahrer mitgedacht wurde und es gab keinerlei Probleme durch die Baustelle weiter in Richtung Hefehof und Bahnhof zu fahren.

Am Bahnhof angekommen fallen einem direkt die zahlreichen Fahrräder ins Auge. Für Unterstellmöglichkeiten hat die Stadt gesorgt, auch wenn man sich hier für ein teures E-Bike auch Fahrradboxen wünschen könnte, doch die seien ja bereits in Planung.

Dennoch fiel uns ein Problem auf: Wir waren mit zwei E-Bikes unterwegs. Nun waren unsere Akkus noch voll geladen, doch was ist eigentlich wenn man seinen Akku mal laden muss? Die Stadtwerke haben erst vor kurzem Schnellladesäulen in der Stadt installiert, darunter auch eine am Bahnhof. Super Sache, denkt man sich, doch Radfahrer gehen leer aus: Es fehlt der normale Schutzkontaktstecker. Auch E-Roller oder ganz kleine E-Autos verwenden den normalen Stecker und schauen damit in die Röhre.

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Problem Kaiserstraße und Deisterstraße

Unsere Route führte uns weiter Richtung Kaiserstraße. Vor einem Jahr stellten Schriegel und ich fest, dass man hier als Radfahrer fast in der Gosse fährt und Angst um seinen Ellenbogen haben muss, da nur die wenigsten Autofahrer hier den Sicherheitsabstand von anderthalb Metern wirklich einhalten. Der Radfahrstreifen zeigte sich immer noch in einem unverändertem Zustand, mit dem einzigen Unterschied, dass der Fahrbahnbelag noch schlimmer geworden ist.

Weiter ging es über die Bahnhofstraße Richtung Deisterstraße. Auch hier hat sich in einem Jahr nichts getan. Noch immer fehlt es an Beschilderung. Fährt man als Radfahrer auf der eh schon vielbefahrenen und engen Straße oder nimmt man den schmalen Fußgängerweg in Kauf? Während wir auf der Straße bleiben und uns dabei wenig wohlfühlen, probiert ein anderer Radfahrer es über den Gehweg. Wie auch im letzten Jahr fühle ich mich erleichtert, als wir in die Sandstraße abbiegen.

Ordnung auf der Fahrradstraße

Wir fahren weiter auf der angrenzenden Fahrradstraße. „In einer Fahrradstraße haben die Radfahrer immer Vorrang. Sie dürfen mitten auf der Straße fahren und es gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h“, erklärt der Experte und fährt sicher auf die Straße. Im Gegensatz zu 2018, als die Straße relativ neu war, scheinen sich die Bürger nun daran gewöhnt zu haben und jeder Verkehrsteilnehmer weiß was er darf und was nicht. Auch wenn nicht jeder 30 km/h fährt, scheint es im Großen und Ganzen gut zu laufen.

Weiter geht es von dort aus in die Innenstadt und das funktioniert wirklich überzeugend gut. Die Baustraße dürfen Radfahrer in beide Richtungen befahren und das ist wirklich sehr praktisch und von Vorteil, auch wenn manche Autofahrer merkwürdig schauen.

Immer noch Verwirrung am Mertensplatz

Im vergangenen Jahr waren wir auf dem Rückweg ins Büro in der Fischbeckerstraße auf dem Mertensplatz sehr verunsichert darüber, wo wir überhaupt langfahren dürfen und auch das hat sich bisher nicht geändert. Zwar gibt es einen Fahrradweg auf der Straße, doch dieser endet an der Kreuzung zur Süntel- oder Fischbeckerstraße. In der Erichstraße gibt es ebenfalls einen Fahrradweg, doch an dem Zebrastreifen vor dem Schiller-Gymnasium steht zwar ein Fahrräder-Frei-Schild, aber direkt nach dem Zebrastreifen steht ein Fußgängerschild.

Zurück nach Emmerthal über Ohr

Auf dem Rückweg nach Emmerthal fuhren wir diesmal über Ohr und der neue Fahrradweg am Ohrberg lohnt sich wirklich. Auf dem neuen Straßenbelag fährt das Rad fast von allein. Und auch der Rückweg ist genauso kurz und einfach wie der Hinweg.

Das Fazit 2019

So richtig viel hat sich in der Rattenfängerstadt zum Thema Fahrrad nicht getan. Manche Beschilderung ist sehr verwirrend, die Deisterstraße und die Kaiserstraße sind noch immer gefährlich, doch die Fahrradstraße scheint sich etabliert zu haben und Radfahrer sind wirklich sehr schnell in der Innenstadt. Zudem muss man sagen, dass man super schnell über die gut ausgebauten Fahrradwege nach Hameln gelangt, egal ob jetzt von Emmerthal, Grohnde oder Tündern. Doch, wie auch die Studie des ADFC zeigt, es ist noch viel Luft nach oben in der Rattenfängerstadt.

(lbr)