Sorgen für andere in der Fürsorge-Falle

Karriere machen auf Kosten anderer? Vielen Frauen gelingt das nicht, weil sie sich für Haushalt und Fürsorge gleichzeitig zuständig fühlen. Die weiblichen Care-Partner suchen sich Hilfe bei Frauen, die in genau der gleichen Sorgefalle stecken. Gleichberechtigung erreicht man so nicht. Wie aber könnte ein Umdenken gelingen? Ein Pilotversuch in der Elisabeth-Selbert-Schule (ESS) packt das Problem bei der Wurzel an.

Die Serie Babylon Berlin, eine der bislang teuersten deutschen Fernsehproduktionen, ist angesiedelt in den 1920er Jahren. Liv Lisa de Fries (Jahrgang 1990) spielt darin die Hauptfigur Charlotte Ritter. 2017 gewann sie für ihre überzeugende Darstellung einer selbstbewussten Kriminalassistentin den Grimme-Preis. Emanzipatorisch gesehen wird auch 100 Jahre später die Gleichberechtigung für Frauen in Deutschland immer noch mehr diskutiert wie verwirklicht.

Bei der Präsentation des Pilotprojektes „Geld verdienen? Ist Frauensache!“ stellen Schüler*innen der ESS in verschiedenen Stationen vor, warum eine gute Lebensplanung gerade Frauen hilft, der Versorgungsfalle zu entgehen. Doch es wirkt wie eine unendliche Geschichte, denn auch 2020 müssen noch Klischees wie „Kinder brauchen die Mutter“ ausgeräumt werden.

Gleiches Recht für alle Geschlechter

Der Leitspruch im Treppenhaus des Gebäudes in der Hamelner Thiebautstraße verweist auf den Artikel 3 des Grundgesetzes „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Eine Forderung, formuliert von Dr. Elisabeth Selbert, Namensgeberin der Schule. Am 23. Mai 1949 trat dieser uneingeschränkte Gleichberechtigungsgrundsatz in Kraft, doch selbst 70 Jahre später ist die Bundesrepublik weit von diesem Ziel entfernt, wie dieser Aktionstag am 29. Januar 2020 in der Aula der berufsbildenden Schule zeigt. In nackten Zahlen ausgedrückt verdienen Frauen für gleiche Tätigkeiten 2019, wenn alle Faktoren wohlwollend berücksichtigt werden, immer noch sechs Prozent weniger als Männer und arbeiten 77 Tage im Jahr ohne jegliche Entlohnung, stellen die Jugendlichen fest. Der Equal-Pay-Day gedenkt letzerem Fakt am 18. März.

Benachteiligte Frauen, bekannte Tatsachen

Aufmerksam hören die jungen Menschen den Ausführungen ihrer Klassenkameraden zu. Lassen Statistiken, Zahlen, Videos und eine Powerpoint-Präsentation auf sich einwirken. Nicht jede*n berührt das Thema. Es sind Fakten, die auch die politischen Vertreter im Raum, die stellvertretenden Landräte Ruth Leunig und Torsten Schulz, die ehrenamtlichen Hamelner Bürgermeister Karin Echtermann und Gerhard Paschwitz, die Gleichstellungsbeauftragten aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont sowie Holzminden, kennen und nachdenklich abnicken. Nach einem Aufschrei aus Richtung Politik klingt das nicht.

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Der Leitspruch im Treppenhaus der ESS verweist auf den Artikel 3 des Grundgesetzes. Foto: Laube

Gleichberechtigung ist wie gegen Windmühlen kämpfen

Ihr Leben vorausschauend planen vorwiegend die über 16-jährigen männlichen Mitschüler, zeigt eine Statistik auf. Diese stehen an einem Mittwoch Ende Januar auf dem Podium der ESS und halten ihren gleichaltrigen Mitstreiterinnen ein wenig aufgeregt vor, sich um ihren Lebensplan zu kümmern. Denn Kindererziehung und Angehörigenpflege stellt auch 2020 zumeist der weibliche Teil einer Familie. Ein Vorurteil: Frauen trauen sich zu wenig zu. Ein Fakt: Die bei Frauen beliebten sozialen Berufe werden schlecht bezahlt. Schulleiterin Gisela Grimme fasst es für die Anwesenden zusammen: „Kirsten Wente und ich, wir kennen uns seit über 25 Jahren. Seit 2008 ist sie Gleichstellungsbeauftragte, vorher war sie Frauenbeauftragte, das Problem wird es auch in Zukunft geben.“

Vier Projektgruppen der Berufsfachschule haben sich mit dem Thema befasst. Laut Wente unterstützt vom Landkreis. Alle Schulen sind eingeladen, sich diesem Pilotprojekt anzuschließen.

Kirsten Wente vermutet, dass es den Jahrzehnten ohne Fortschritt und mit einer männlich dominierter Sprache geschuldet ist, dass Frauen heute noch schwer in eine gleichberechtigte Position finden, wie sie in den skandinavischen Ländern aktuell selbstverständlich ist. Sie nennt dazu „Damenmannschaft“ als klassisches Beispiel: kein Begriff, der jemandem außerhalb von Deutschland erklären würde, wer hier gegen wen spielt. Ein Weg dorthin, wäre eine gendergerechte Sprache und die Bitte unserer Gleichstellungsbeauftragten, nicht nur von Schülern, sondern entsprechend von Schüler*innen zu berichten. Wir kommen diesem Wunsch ausnahmsweise nach, doch gendergerecht geht nur auf Kosten der inklusiven Bemühungen um einfache Sprache.

Einige Stimmen zum Projekt lassen wir für sich sprechen:

Gerhard Paschwitz, Mitglied des Rates der Stadt Hameln und des Kreistages, würde das Thema gerne noch einmal auf die Tagesordnung des Sozialausschusses vor den großen Ferien diskutiert wissen. Er sagt: „Wir haben die Gleichberechtigung nach dem Grundgesetz, da ist die Frage, wie wir da zu arbeiten haben, um diese Ziele mittel- oder kurzfristig erreichen zu können.“

Paula Claus, 17, aus Oldendorf, Schülerin der ESS, hat aus dem Projekt gelernt, dass auch Frauen, die Kinder bekommen, trotzdem im Beruf aufsteigen können. Sie wünscht sich, dass das alte Bild, dass die Männer arbeiten gehen und die Frauen zuhause bleiben und die Kinder bekommen, einfach mal verschwindet.

Kirsten Wente, Gleichstellungsbeauftragte vom Landkreises Hameln-Pyrmont, hebt das Thema „Geldverdienen“ auf ihrer Prioritätenliste ganz nach oben. Es sei wichtig, gerade den jungen Menschen das Thema nahezubringen. Die Schule wäre dafür ein idealer Ort, diese Zielsetzung umsetzen zu können. Wenn Frauen primär darüber nachdächten, wie sich ihr Lebenslauf entwickelt und wie sie sich selbst finanzieren können, um am Ende des Lebens davon auch noch gut leben zu können.

Gisela Grimme, Schulleiterin der ESS, möchte den jungen Frauen Mut machen, damit sie aktiv werden. Sie dürfen sich nicht „die Butter vom Brot nehmen lassen“, denn es werde nur gehen, wenn man kämpft und sich auseinandersetzt. Für das nächste Mal wünscht sich die Leiterin, dass auch die jungen Frauen die Präsentation übernehmen und das Feld nicht ihren männlichen Klassenkameraden überlassen.