Allein durch hĂ€usliche Gewalt starben nach einer UN-Studie 2017 weltweit rund 50.000 Frauen. Auch wenn Frauen in Europa verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig sicher leben, kann es vorkommen, dass sie sich bedrohlichen Situationen stellen mĂŒssen. Einen Weg, sich nicht erst körperlich verteidigen zu mĂŒssen, zeigen Anett und Andreas Werlich mit ihrem „PrĂ€ventiven Selbstschutz-Training“ auf.

Ein Konzept zur GewaltprÀvention

Als Justizvollzugsbeamte haben die Werlichs in der Hamelner JVA langjĂ€hrig Erfahrungen sammeln können, ehe sie 2017 ihr Gewerbe „PSST“ starteten. Das von ihnen entwickelte Konzept des „PrĂ€ventiven Selbstschutz-Trainings“ wird im Landkreis stark nachgefragt, in den KindergĂ€rten, den Grundschulen, bei Erziehern. In ihren Kursen zeigt das Ehepaar, wie mit einfachen Mitteln Kinder, auch ihre eigenen, lernen, sich selbst zu behaupten, um nicht kĂ€mpfen zu mĂŒssen. Ab diesem Jahr gibt es auch speziell zugeschnittene Angebote zur GewaltprĂ€vention fĂŒr Frauen und MĂ€dchen.

Ablenkung verhilft zur Flucht

GewalttĂ€ter nutzen die Angst und Unsicherheit anderer fĂŒr ihre eigenen Zwecke aus. Sie wollen Macht ausĂŒben und picken sich gezielt SchwĂ€chere heraus. Dabei gelĂ€nge es mit leicht umsetzbaren Dingen oft, eine unmittelbare Bedrohung zu minimieren, sagt Andreas Werlich. Seine Frau ergĂ€nzt: „Wenn ich eine Packung TaschentĂŒcher aus meiner Handtasche nach dem Gegner schmeiße, lenke ich mein GegenĂŒber ab und ich kann flĂŒchten.“ Ihre Kursteilnehmerinnen sollen das GefĂŒhl bekommen, in keiner Situation machtlos zu sein, egal, ob es um KO-Tropfen oder eine versuchte Vergewaltigung geht.

Anett Werlich: „Es gibt immer andere Wege, die ich gehen kann. Ich muss nicht dort lang gehen, wovor mich mein BauchgefĂŒhl warnt“.

Erkennen und Vermeiden von Gefahrensituationen, Selbstbehauptung, sowie einige technische Handgriffe zur Verteidigung lernen die Frauen bei den Werlichs. Reflexe, die antrainiert werden können, wenn der Gegner sehr nahe ist, wie jemanden im Gesicht rubbeln, ohne denjenigen zu verletzen, oder direkt ins Ohr des Gegners zu schreien und das ZurĂŒckschrecken des Angreifers zur Reaktion nutzen. Eine erhobene Stopphand dagegen signalisiere eindeutig, bis hierher und nicht weiter. Das Telefon am Ohr schrecke vielleicht ein aggressives GegenĂŒber ab, denn ein Zeuge hört mit. Es gibt nie die ultimative Lösung fĂŒr eine Situation, betonen beide Trainer. Im Zweifelsfall solle die Frau auf ihr BauchgefĂŒhl hören und beim Grummeln einen anderen Weg wĂ€hlen.

Das Netzwerk ProBeweis

Ein Punkt, auf den die Kursanbieter hinweisen, ist, dass viele von Gewalt betroffene Frauen den Gang zur Polizei und eine sofortige Anzeige scheuen. Doch wenn blaue Flecke verheilt sind, fehlen  Nachweismöglichkeiten fĂŒr erlittene Verletzungen. In diesen FĂ€llen hilft das Netzwerk ProBeweis mit seinem Partner Sana Klinikum in Hameln, diese zu dokumentieren, ohne dass eine Anzeige erfolgt.

Neue Kurse starten

Am 21. April startet ein Kurs fĂŒr MĂ€dchen von 13 bis 16 Jahre, bei dem Themen wie Cyber-Mobbing und KO-Tropfen angesprochen werden, einige PlĂ€tze sind noch frei. FĂŒr Frauen ab 17 Jahren beginnt  der nĂ€chste Kurs am 28. Oktober. Beide Kurse finden im Paul-Gerhardt-Haus, Paul-Gerhardt-Weg 21, Hameln, statt. Unter http://www.psst-hameln.de/ finden Interessierte weitere Informationen zu den Kursen fĂŒr Kinder, MĂ€dchen und Frauen. (gla)

BU: Wie mit trainierten Reflexen ein Gegner abgewehrt wird, zeigt das Ehepaar Werlich Foto: Laube