Katharina Schwerdtfeger von der Buchhandlung Seifert hat „Die Kakerlake“ von Ian McEwan, erschienen im Diogenes Verlag (19 Euro), für Sie gelesen:

Kafka stand Pate in diesem Buch der Stunde: „Die Kakerlake“ von Ian Mac Ewan. Nur erwacht diesmal kein Mensch morgens als Käfer, sondern eine Kakerlake als britischer Premierminister. Nach kurzem Eingewöhnen in die neue Rolle feuert er als erstes seinen persönlichen Sekretär.

Jim Sams, so nennt Ewan seinen Premier in Anlehnung an Kafkas Protagonisten Gregor Sama, hat eine Verwandlung durchgemacht. In seinem früheren Leben wurde er entweder ignoriert oder gehasst, doch jetzt ist er auf einmal der mächtigste Mann Großbritanniens – und seine Mission ist es, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und erst recht nicht von den Regeln der parlamentarischen Demokratie.Er will freie Hand bei seinen Entscheidungen haben, ein völlig neues Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ins Leben zu rufen. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die kopfsteht.

Auch gibt es ebenso wie in „Die Verwandlung“ einen Erzähler, der die Ereignisse detailreich vor uns ausbreitet. Der Stil ist eindeutig Ian McEwan: elegant, witzig-ironisch, bisweilen sarkastisch, ein Feuerwerk an Einfällen. Mit geradezu maliziösem Vergnügen greift der Schriftsteller immer wieder typische Redephrasen der Brexitfreunde auf, legt sie seinem Premier in den Mund. Er beschreibt die gesamte Situation aus dessen Blickwinkel.

Geschickt lässt McEwan seinen Jim Sams die sozialen Medien zur Verbreitung von Fake News und Verleumdungen nutzen. Er zeigt ihn als listigen, skrupellosen Manipulator, der sich nicht scheut, Lügen zu verbreiten, um seine Wirtschaftsrevolution durchzusetzen.
Auch wenn das Buch eingangs behauptet, ein Werk der Fiktion zu sein und jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken abstreitet, so sieht man doch mühelos zahlreiche Parallelen zwischen den tatsächlichen Ereignissen um den Brexit und der Satire.

Ein amüsanter, leichtfüßiger kleiner Spaß.

(red)