Hannover (ahf) Der Monat Februar stand für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatsoper und des Staatsschauspiel Hannover im Vorzeichen des Austauschs mit über 60 Abgeordneten des Niedersächsischen Landtags.

Der Start erfolgte mit einem Aktionstag am 4.2.2021. Ausgehend von der Frage: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“, tauschte man sich über die Kunst und deren Bedeutung innerhalb einer Gesellschaft, die Möglichkeiten in der Kulturförderung und natürlich auch über die Zukunft nach der Pandemie aus.

Martin Kreilkamp und Kasten Becker sprechen sich fĂĽr die Oper aus. Foto: Staatstheater Hannover

An der Aktion nahmen Abgeordnete aller Fraktionen des Landtags teil, darunter zahlreiche Kabinettsmitglieder wie Finanzminister Reinhold Hilbers, Innenminister Boris Pistorius, Sozialministerin Carola Reimann, Kulturminister Björn Thümler sowie die Fraktionsvorsitzenden und kulturpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen. Selbst Ministerpräsident Stephan Weil lud zu sich in die Staatskanzlei und war sehr interessiert an den Zusammenhängen, der Lebenswirklichkeit und den Zukunftssorgen der Kulturschaffenden nicht nur in Hannover, sondern auch darüber hinaus. Einige der Gespräche konnten in persönlicher Begegnung, andere mussten auf Grund der aktuellen Lage per Videokonferenz geführt werden.

Aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont nahm der SPD-Abgeordnete Ulrich Watermann teil und hatte eine aufschlussreiche Begegnung mit dem Orchestervorsitzenden Michael Kokott. AuĂźerdem waren die Wahlkreispaten des Landkreis Hameln-Pyrmont Christian Meyer, GrĂĽne und Karsten Becker, SPD bei der Aktion dabei.

Gemeinsame Themen finden und eine lebhafte Verbindung aufbauen
Alrun Hofert, Schauspielerin im Ensemble, hat mehrere Gespräche geführt und konnte dabei ganz unterschiedliche Erkenntnisse gewinnen: Unter dem Vorzeichen der Landtagswahlen 2022 ist es wichtig bereits jetzt gemeinsame Themen zu finden, denn von einer lebhaften Verbindung zwischen Theater und Politik profitieren eben auch beide Seiten. Viele Gespräche waren daher Anlass dazu, auch weiterhin in Kontakt zu bleiben.

Die Abgeordneten des Nds. Landtags bekamen einen exklusiven und persönlichen Einblick in die Arbeitswirklichkeit der Künstler. Außerdem ermöglichte der direkte und offene Austausch auch die Belange der Kulturschaffenden den Abgeordneten näher zu bringen, die bisher wenig Berührungspunkte mit Theater und Oper hatten. So stellte man unweigerlich fest, dass Kultur nicht nur für die großen Städte ein wichtiger Standortfaktor ist, sondern dass die Strahlkraft der Theater mit ihrem integrierenden Faktor und der Umwegrentabilität, weit über die Grenzen der Stadt hinausgehen und Regionen und Landkreise mit in ihren Bann ziehen, folgert etwa der Opernsänger Uwe Gottswinter nach einem fast dreistündigen Austausch mit Eva Viehoff von den Grünen.

Auch die Politiker gaben Einblicke in deren Tagesgeschäft und legten ihre Standpunkte und Ansichten dar. Trotz mancher Differenzen gab es im Allgemeinen eine große Einigkeit darüber, dass für Kürzungen in diesem Bereich kaum Platz ist, fasst Schauspieler Hajo Tuschy einige Gespräche zusammen.

Eines wurde dabei auch parteiübergreifend deutlich: An Kunst und Kultur hängen in erster Linie eine große Menge an Personal.

Benachteiligte werden aktuell noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt
Rationalisierungsmaßnahmen würden in erster Linie Arbeitslose schaffen. Deshalb müssen Strukturen erhalten bleiben, betont Finanzminister Reinhold Hilbers in seinem Gespräch mit der Schauspielerin Irene Kugler. Denn einmal gekürzt und weg, bleiben sie weg. Andere Abgeordnete, wie etwa Alptekin Kirci von der SPD sprachen sich sogar über die Notwendigkeit eines Ausbaus der Kulturmittel aus, etwa nach dem Vorbild von Hamburg und Wien, wo die Mittel für Kultur kürzlich um 10. bzw. 26 Millionen Euro erhöht wurden (die Süddeutsche Zeitung berichtete). Weiters wurde auch über die Einführung eines Kulturfördergesetzes diskutiert, damit Kultur nicht wie bisher eine freiwillige Leistung bleibt. Christian Grascha von der FDP bekundet in seinem Gespräch mit Schauspielerin Viktoria Miknevich: In Anbetracht der strengen Maßnahmen, ist die Politik dazu aufgefordert der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Für die Zukunft kann dies nur bedeuten, dass die Landespolitik die Kunst- und Kulturschaffenden als wichtigen Baustein einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts begreift, resümiert Schauspieler Nikolai Gemel.

BĂĽhnenbildnerin Vanessa Sgarra sprach per Videokonferenz mit Christian Meyer.
Foto: Staatstheater Hannover

Über die Brennglasfunktion der Pandemie bilden sich bereits vorher bestandene Missstände besonders ab. Ohnehin schon Benachteiligte werden aktuell noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Aufgabe und Potential der Kultur war seit jeher und wird zukünftig mehr denn je sein: Die Stärkung einer komplexen, vielfältigen Gesellschaft und Demokratie, fasst etwa Barbara Kantel, Leiterin der Theaterpädagogik des Schauspiel Hannover, nach ihrem Gespräch mit Ministerin Reimann zusammen. Amelle Schwerk, Schauspielerin aus dem Ensemble ergänzt: Damit Kultur für alle zugänglich ist muss sie gefördert werden, postpandemisch umso intensiver. Theater und Oper schaffen Begegnungsräume, Beziehungsaufbau und Verbindung. Und gerade das fehlt in dieser Zeit mehr denn je.