Missbrauchsfälle in Lügde: Haben die Behörden versagt?

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Campingplatz Eichwald Lügde
Der Tatort: Campingplatz in Elbrinxen bei Lügde. Foto: Brümmer

Bewirbt sich eine Familie beim Jugendamt als Pflegefamilie wird sie genau unter die Lupe genommen und durchleuchtet. Doch warum bekam ein 56-jähriger alleinstehender Mann, der auf einem Campingplatz in Lügde haust, die Obhut für ein kleines Mädchen? In den Missbrauchsfällen von Lügde gibt es zahlreiche ungeklärte Fragen. Die Staatsanwaltschaft Detmold untersucht ebenfalls das Verhalten der beteiligten Behörden.

Der Fall in Kürze: Auf einem Campingplatz in Elbrinxen/Lügde sollen drei Männer über Jahre hinweg zahlreiche Kinder sexuell schwer missbraucht haben. Die Ermittlungen der zuständigen Polizeikommission und der Staatsanwaltschaft Detmold laufen auf Hochtouren. Bisher soll es 29 Opfer gegeben haben. Der bisher erste nachgewiesene Missbrauchsfall soll im Jahr 2008 stattgefunden haben. Medienberichten zufolge stellte die Polizei 14 Terabyte kinderpornografisches Material sicher. Die verdächtigen Männer sollen mehr als 1000 Einzeltaten begangen haben.

Bei dem hauptverdächtigen Mann, der auf dem Campingplatz in Lügde wohnt, hat ein Mädchen gelebt, für das das Jugendamt Hameln-Pyrmont zuständig ist. Auch an ihr sollen sich die Männer immer wieder vergangen haben. Der Hauptverdächtige sitzt seit Dezember in Untersuchungshaft.

Wenn man die Bilder des Campingplatzes sieht, an dem das Mädchen untergebracht war, stellt man sich die Frage, warum dass Jugendamt Hameln-Pyrmont dies zugelassen hat. In einer Pressekonferenz vom Dienstag, 5. Februar, stellte sich Tjark Bartels, Landrat Hameln-Pyrmont, den Fragen und Vorwürfen der Presse. „Ich verneige mich im Namen des ganzen Hauses und vor allem im Namen der Mitarbeiter des Jugendamtes mit Respekt vor den fast 30 Kindern“, eröffnete der Landrat das Pressegespräch. Er wählte diese Worte, da sie für ihn stärker seien, als eine bloße Entschuldigung.

Laut Angaben Bartels sei die Mutter des Mädchens auf das Jugendamt Hameln-Pyrmont zugekommen, mit dem Wunsch, dass ihre Tochter bei dem nun Hauptverdächtigen untergebracht werden soll. Die Mutter habe den Mann schon länger gut gekannt. Insgesamt sieben Monate lang habe die Behörde den Mann und sein Umfeld geprüft. Die Situation auf dem Campingplatz sei zwar „grenzwertig“, aber „stabilisierbar“ gewesen, laut Einschätzung des Jugendamtes. Als normale Pflegestelle, ohne den Wunsch der Mutter, wäre der Mann jedoch keinesfalls in Frage gekommen, doch das Pflegegeld in Höhe von 1.000 Euro bekam er. Einmal die Woche haben externe Betreuungsdienste nach dem Pflegekind geschaut und Anzeichen auf einen sexuellen Missbrauch habe es keine gegeben.

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Jedoch habe es 2016 bereits einen Hinweis gegeben, berichtet die Staatsanwaltschaft Detmold in einer Presseerklärung. „Tatsächlich haben die Polizei Lippe und parallel oder in der Folgezeit auch die beteiligten Jugendämter Hinweise auf einen möglichen sexuellen Missbrauch des Pflegekindes des Hauptbeschuldigten erhalten. Die erste Mitteilung erfolgte bereits im August 2016 von einem 56-jährigen Familienvater aus Bad Pyrmont. Dieser hatte telefonischen Kontakt zu einer Polizeidienststelle in Blomberg und dort einen Sachverhalt mitgeteilt, der Anlass gegeben hätte, zumindest die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens zu prüfen. Tatsächlich ist lediglich das Jugendamt Lippe und darüber das Jugendamt Hameln-Pyrmont informiert worden. Diese haben zwar eine Überprüfung des Haushalts des Beschuldigten vorgenommen, dabei eine Kindeswohlgefährdung jedoch nicht erkannt. Polizeiliche Ermittlungen sind anschließend nicht erfolgt“, heißt es in der Presseerklärung.

Im November 2016 soll ein zweiter Hinweis, durch eine Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg bei der Polizei und dem Jugendamt Lippe eingegangen sein. Der Pflegevater soll Äußerungen gemacht haben, die auf einen sexuellen Missbrauch des Kindes hingedeutet hätten. Doch die Überprüfungen habe zu keinem Zeitpunkt einen Hinweise erbracht. Das Kind habe sich nach außen sogar erheblich gebessert.

Ob das Jugendamt Hameln-Pyrmont einen Fehler gemacht hat, könne Bartels bisher nicht sagen, da die Akten bei der Staatsanwaltschaft liegen. „Wenn ein Fehler gemacht worden ist, wird es Konsequenzen geben“, so Bartels. Meist müssten die Jugendämter zwischen einer schlechten Option und einer weniger schlechten Option entscheiden und die Mitarbeiter müssen täglich abwägen.

Zudem erklärte der Landrat, dass neue Stellen geschaffen werden sollen, um die Prävention gegen Missbrauch zu stärken und gerade Kindern eine Stimme zu geben.

(lbr)